Wie jetzt – warum ich lese? Müsste es auf einem Autorenblog nicht heißen: Warum ich schreibe?

Inspiriert hat mich tatsächlich ein Literaturblog: Auf novelero.de stellte sich Sandro Abbate die Frage nach den Lesegründen und bekam leidenschaftliche Antworten zahlreicher Buchliebhaber.

Ohne die Liebe zum Lesen würde ich heute nicht an meinem ersten Roman schreiben. Die Frage führt daher auch zu meinen Wurzeln als Autorin.

 

Wer bummelt, kann lesen

Alles begann mit dem Kinderbuch „Bettina bummelt“, das mir meine Mutter zu Einschulung schenkte. Nach der Schule unterstrich ich darin die neu gelernten Wörter. Doch ich war viel zu neugierig, um den Lese-Fortschritt in den Schulstunden abzuwarten. Emsig schlug ich zu Hause die Seiten meiner Fiebel vor, suchte nach gleichen Wörtern und las die Buchstabengruppen so lange laut vor, bis sie ihre geheime Botschaft preisgaben. Plötzlich, an einem Herbstnachmittag, verstand ich, was Bettina beim Nach-Hause-Bummeln erlebte.

Ich konnte lesen! Das Tor zur Welt war geöffnet.

 

Nie mehr Langeweile

Mit dem Lesen verschwand die Langeweile. Sogar krank sein, war nur noch halb so schlimm: Im Bett gab es viel Zeit, um fremde Welten zu erkunden. Ich ging auf Abenteuerreise und ritt mit Indianern in den Sonnenuntergang.

Meine ersten Bücher aus der Bücherei blieben mir allerdings ein Rätsel. Ich war wohl noch zu jung für Science Fiction. Aber bis heute erinnere ich dieses aufregende Gefühl, das ihre Cover hervorriefen: Die Zeichnungen von fremden Planeten versprachen unbegrenzte Möglichkeiten.

 

Mit Worten arbeiten?

Eine merkwürdige Erkenntnis brachte der Deutschunterricht mit der Gedichtinterpretation zu Tage: Die Menschen hinter den Worten schrieben nicht allein nach Inhalt und Gefühl, sondern meißelten Reime, Versmaß, Rhythmus, Metaphern, Alliterationen und noch viel mehr hinein? Das war für mich eine unvorstellbare Arbeit.

Die Erleuchtung brachte schließlich Goethes Werther. Während mein bester Freund über das langweilige Büchlein schimpfte, las ich still Seite für Seite und vergoss bittere Tränen. Goethe! Wie er wollte ich sein. Nein, kein gefühlstrunkener Teenager, sondern Schriftsteller.

Doch das behielt ich für mich.

 

Monogame Buch-Beziehungen

Auf meinem Weg durchs Leben stand und steht immer ein Buch an meiner Seite – als Freundin, Verbündeter, Mentorin, Navigator, Reisebegleitung und sogar als Liebhaber. Endet die gemeinsame Zeit, bleibt auch mal Traurigkeit zurück. Es braucht dann ein, zwei Tage, bis ich mich auf eine neue Beziehung einlasse.

Ich lese sozusagen monogam und sammle die Erinnerungen im Bücherregal.

 

Das Bücher-Tagebuch

Blicke ich in mein Bücherregal, sehe ich auch auf mein Leben. Die Buchrücken erinnern wie ein Tagebuch an meine persönlichen Etappen und Stationen:

Ich betrat die schöne neue Welt (Huxley), erlebte Krieg und Frieden (Tolstoi), stand vor der Wand (Haushofer), wanderte auf Traumpfaden (Chatwin), aß mit Kängurus zum Frühstück (Bryson), ertrug die Leichtigkeit des Seins (Kundera), verliebte mich in den Zeiten der Cholera (García Márquez), weinte mit der Kameliendame (Dumas), vermaß die Welt (Kehlmann), erstellte meinen Wolkenatlas (Mitchell), empfing heimlich die Briefe an D. (Gorz) und auch die an einen jungen Dichter (Rilke), aß, betete, liebte (Gilbert) und ging schließlich meinen Weg des Künstlers (Cameron) …

 

… und was hielt mich vom Schreiben ab?

Mit einem Buch in der Hand träume ich von der weiten Welt und großen Taten. Lege ich es aus der Hand, konfrontiert mich meine eigene Gewöhnlichkeit.

Schreiben erfordert Mut.

Es dauerte viele Jahre und Bücher, bis ich mich traute, meinen Lebenstraum zu verwirklichen. Letztes Jahr begann ich eine Autorenausbildung und schreibe nun meinen ersten Roman. Es ist das größte Abenteuer meines Lebens.

 

Warum liest Du?

Wie Du siehst, führt diese kleine Frage schnell durchs ganze Leben. Auf dem Literaturblog novelero.de kannst Du Deine Antwort noch bis zum 1. Juli 2016 verlinken und mit etwas Glück in einem Buch verewigen.