Schreiben kann besser sein als Sex, las ich kürzlich in einem Schreibratgeber von Hans Peter Roentgen.

Stimmt! Aber dann ist das Überarbeiten eines Romans so übel wie schlechter Sex.

Ich habe den Lektor Hans Peter Roentgen gefragt, was ich in der Überarbeitung meiner Rohversion falsch mache. Er hat sich geduldig ausfragen lassen und gute Tipps für Selbstlektorat und Lektorat verraten. Aber den wertvollsten Rat habe ich in seinem Schnupperlektorat bekommen.

 

Interview mit Hans Peter Roentgen

Portrait von Hans Peter Roentgen

Hans Peter Roentgen schreibt Sachbücher über das Lektorat und den Buchmarkt, z.B.:
– Schreiben ist nichts für Feiglinge
– Drei Seiten für ein Exposé
– Vier Seiten für ein Halleluja
– Klappentext, Pitch und anderes Getier

Er coacht Autoren, lektoriert und beurteilt die Texte von Nachwuchsautoren.

Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS), dem Syndikat (Verband deutschsprachiger Krimischriftsteller) und dem Verband freier Lektorinnen und Lektoren (VfLL). Und er hat einen RAF-Krimi verfasst (Der Plotter).

Homepage: www.hproentgen.de

Herr Roentgen, ich hätte nicht gedacht, dass das Überarbeiten des Romans so zäh ist. Wie lange dauert das normalerweise?

Das ist ungefähr so leicht zu beantworten wie die Frage: Wie lange dauert eine Autoreparatur?

Das hängt davon ab, was man reparieren muss.

Aber eine gute Annahme ist: 3 Monate liegen lassen und 3 Monate überarbeiten.

 

Ups! Warum bin ich dann noch nicht fertig? Überarbeite ich zu viel? Manchmal habe ich den Eindruck, ich verschlimmbessere nur noch.

Das deutet darauf hin, dass Ihre Distanz zum Text nicht groß genug ist. Dann ist es wichtig, jemand anderen daran arbeiten zu lassen. Geben Sie Freunden Ihren Text! Wenn Sie eine Autorengruppe haben, dann ist eine Diskussion in der Gruppe eine gute Idee.

Aber Vorsicht!

Sie sollten auf keinen Fall fragen: Ist der Text gut oder schlecht? Fragen Sie lieber:

WAS ist an dem Text gut und WAS ist an dem Text schlecht?

Dann antworten die Leute ehrlicher, z.B. die Figur Martha kommt mir noch nicht rund vor.

Sie können auch ein Probestück ins Lektorat geben, mit der Frage: Was sind meine Stärken und was sind die Probleme des Textes?

 

Gibt es eine spezielle Technik für das Selbstlektorat?

Überlegen Sie: Was ist das größte Problem des Textes?

Machen Sie nicht alles auf einmal, sondern konzentrieren Sie sich auf das größte Problem!

 

Was sind denn die größten Probleme, die Sie in Texten sehen?

Die 3 typischen Anfängerfehler, die ich immer wieder beobachte, sind folgende:

1) Anfänger erzählen oft über den Text, statt ihn für die Leser*innen erlebbar zu machen.

Ein Beispiel: „Herr Meier hatte Angst.“ Damit jagt man niemandem Angst ein.

„Die Tür flog auf und ein Sumo-Ringer stand mit einem Totschläger in der Hand vor ihm.“ Das ist schon was anderes, oder?

In einem Roman geht es nicht darum, etwas zu erzählen, damit die Leser*innen die Geschichte wissen. Es geht darum, etwas zu erzählen, damit im Kopf ein Film abläuft.

Die Leser*innen müssen selbst Angst haben.

2) Sie springen in eine andere Perspektive.

Angenommen, Herr Meier ist mein Held. Dann kann ich schreiben. „Er starrte in den Totschläger.“

Aber ich kann nicht schreiben: „Der Sumo-Ringer dachte daran, dass seine Mutter auch erschrocken war, als sie zum ersten Mal den Totschläger sah.“

Am Anfang haben Autor*innen häufig zu viel Distanz zu ihrer Figur.

Sie müssen sich in die Figur verwandeln und mit der Figur mitgehen: das sehen, was die Figur sieht; das hören, was sie hört; das miterleben, was die Figur sagt und tut.

3) Sie verwenden grammatikalisch ausformulierte Sätze im Dialog.

Im Alltag spricht niemand mit korrekt ausgeführten Nebensätzen, außer vielleicht Philosophie-Professoren.

Die Dialogsprache muss nicht die Umgangssprache sein. Aber sie muss den Eindruck einer Umgangssprache erwecken. Da werden Sätze oft nicht vollständig ausgesprochen. Es fehlen manchmal Verben. Es muss so klingen wie jemand spricht.

Vor kurzem habe ich erlebt, wie jemand einen Jugendroman über eine 15-Jährige vorlas. Aber die Sprache der Figur war die eines 50-Jährigen. Das war die Sprache des Autors.

Es ist wichtig, dass die Sprache übereinstimmt mit der Figur, die gerade spricht.

 

Einige Schreibcoaches raten, die Überarbeitung des Romans in mehreren Runden zu machen. Wäre das auch Ihr Tipp für einen 400-Seiten-Roman?

Das Aufteilen in Etappen ist eine gute Idee. Man kann sich nicht gleichzeitig auf alles konzentrieren – Spannungsbogen, Stil und Rechtschreibfehler.

Einen Text mehrfach durchzugehen, ist auch im Lektorat üblich.

Sie brauchen sich über den Stil nicht den Kopf zerbrechen, wenn Dramaturgie und Figuren nicht stimmen. Dann müssen Sie erst ganze Szenen umschreiben.

 

Schreibratgeber zum Thema Spannung

Roentgens aktueller Schreibratgeber hilft, Bücher noch spannender zu machen.

Also erst die Dramaturgie, dann die Figuren und zum Schluss Stil und Dialoge?

Die Dialoge würde ich zu den Figuren dazuzählen. Dialoge sind wichtig für den Spannungsaufbau. Sie sollten im Idealfall wie ein Ping-Pong-Spiel ablaufen und nicht endlose Erklärungen liefern.

Handlung und Dialoge kennzeichnen die Figuren und den Konflikt.

Es ist wichtig, dass in Dialogen ein Konflikt erkennbar ist.

„Du weißt ja, dass meine Schwester vor drei Jahren den Herrn Soundso geheiratet hat.“ Wenn Figuren sich über Sachen unterhalten, über die sie sich einig sind und die sie sowieso wissen, dann ist die Spannung hin.

 

Das heißt, es macht Sinn, die Dialoge mit der Szene zu überarbeiten und nicht erst am Ende mit dem Stil?

Ja, das macht Sinn.

 

Und wann ist ein Text fertig?

(Herr Roentgen lacht.)

Es gibt keine Formel, mit der man das berechnen kann. Das ist ja das Problem:

Man findet immer irgendwas an einem Text. Auch an veröffentlichten Texten.

Die Frage ist doch, ob mich der Text packt. Wenn mich der Text packt, dann interessiert es nicht, wenn ich an der einen oder anderen Stelle etwas anstreichen würde.

Das andere Problem sind Texte, die perfekt sind, man sich aber fragt: Was will mir der Autor / die Autorin eigentlich erzählen?

 

Wie sind Sie eigentlich zum Schreiben und Lektorieren gekommen? Ich habe gelesen, dass Sie von Hause aus Informatiker sind.

An der TU haben wir eine Studentenzeitschrift herausgegeben und in der Gruppe diskutiert. Das war damals in der Literatur noch gar nicht üblich.

In den 90er Jahren bin ich öfter in die USA gefahren und habe dort festgestellt, dass sich dort Autor*innen zusammensetzen und ihre Texte diskutieren. Damals gab es dort bereits eine Autorenzeitschrift mit 100.000 Abonnenten, die jeden Monat eine Art Textklinik gemacht hat.

Das wollte ich auch für Deutschland haben.

Damals galt in Deutschland noch die Annahme, dass ein Schriftsteller entweder ein Genie ist und von Natur aus schreiben kann, oder er ist ein absoluter Nichtskönner und produziert Schrott.

 

Wann hat sich das in Deutschland geändert?

Zwischen 2000 und 2010.

Während dieser Zeit habe ich meine Beispiellektorate begonnen und „Vier Seiten für ein Halleluja“ geschrieben. Das war damals noch absolut neu.

 

Ist ein Lektorat nur für Selfpublisher sinnvoll? Oder sollte ich ein Lektorat machen lassen, um einen Verlag für meinen Debüt-Roman zu finden?

Heute finden Sie einen Verlag meistens über Literaturagenturen. Die wollen natürlich Manuskripte, die möglichst wenig Arbeit versprechen.

Insofern kann es durchaus sinnvoll sein, bereits vorher ein Lektorat zu machen.

Aber es ist natürlich eine Kostenfrage.

Was kostet ein Lektorat?

Was kostet ein gutes Lektorat?

Pro Normseite – das sind 1500 Anschläge – können Sie mit 4 bis 8 Euro rechnen.

 

Wow, das sind bei 400 Seiten 1.600 bis 3.200 Euro.

Ja, das ist eine Menge Geld.

Deswegen biete ich das Schnupperlektorat für die ersten Seiten an und das Exposé-Lektorat, mit dem man den Plot diskutieren kann. Das ist günstiger und viele Sachen sieht man bereits dort.

Wenn ich auf den ersten vier Seiten sehe, dass die Dialoge noch holpern, dann muss ich nicht 400 Seiten holprige Dialoge lesen, um Ihnen zu sagen, dass Sie die Dialoge überarbeiten müssen.

 

Reicht es wirklich, nur die ersten 4 Seiten lektorieren zu lassen?

Es reicht natürlich nicht völlig. Aber man kann sehr viel sagen:

Wie schreibt der Autor? Wie ist der Stil? Wie beschreibt er die Personen? Wie funktioniert der Spannungsbogen? Es gibt typische Fehler, die Anfänger machen.

Ein Lektor ist ähnlich wie ein Fußballtrainer:

Dieser kann nach fünf Minuten zwar nicht endgültig sagen, wo der Spieler mal hinkommen wird. Aber er kann sagen, wo er im Moment steht.

 

Und den Plot diskutiere ich im Exposé-Lektorat? Ich muss Ihnen nicht den gesamten Roman schicken?

Für den Plot reichen Exposé oder Szenenplan.

Das Exposé hat den Vorteil, dass es relativ kurz ist. Auf 1 bis 3 Seiten sieht man Plotlöcher tatsächlich eher, als wenn man 400 Seiten liest. Auch die Motive der Figuren lassen sich dann besser erkennen.

Das ist ja auch der Grund, warum Verlage und Literaturagenten ein Exposé fordern. Die lesen die ersten Seiten und das Exposé.

Allerdings ist meine Erfahrung, dass es den meisten Autor*innen sehr schwer fällt, einen 400-Seiten-Roman tatsächlich auf den Punkt zu bringen.

Autor*innen müssen auf diese Frage antworten können: Worum geht es in Ihrem Roman? Was ist der zentrale Konflikt? Wer ist Protagonist und Antagonist?

In Leipzig und Frankfurt habe ich an 5-Minuten-Pitches teilgenommen. Nur eine einzige Autorin konnte in einem Satz sagen, worum es in ihrem Roman geht.

 

Wie finde ich eine*n passende*n Lektor*in?

Suchmaske des LektorenverzeichnissesDer Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) hat eine Datenbank, in der Sie nach verschiedenen Kriterien suchen können.

Machen Sie ein Probelektorat, wenn es um eine größere Text- und Geldsumme geht! Das bieten die meisten Lektor*innen an.

Eine gute Idee ist auch, zu schauen, wer für welche Autor*innen gearbeitet hat. Oft steht das im Profil.

Oder fragen Sie befreundete Autor*innen, mit wem sie gute Erfahrungen gemacht haben.

 

Sollte ich mir eine Lektorin in der Umgebung suchen und mich persönlich treffen? Wie handhaben Sie das in Ihren Lektoraten?

Ich betreue Autor*innen im deutschsprachigen Raum, nicht nur in Potsdam.

Zu 99% mache ich die Lektorate per E-Mail. Das funktioniert gut. Der Vorteil ist, Sie können nachschauen, was gesagt wurde. Das hilft mir auch, wenn Sie mit einer neuen Version kommen.

 

Im Schnupperlektorat geben Sie mir einen interessanten Tipp: Ich solle meinen Roman nicht als Science Fiction, sondern als Wissenschaftsthriller verkaufen. Ist es okay, zu flunkern?

Das ist okay. Vieles, was früher unter Science Fiction lief, wird heute als Wissenschaftsthriller vermarktet. SF gilt als schwierig zu vermarkten, während Science Thriller bessere Chancen haben. Auch wenn es das Gleiche ist.

Für eine klassische SF-Geschichte mit Weltraumschlachten würde ich das natürlich nicht empfehlen. Aber wenn es um neue Techniken geht und was in der Raumfahrt passiert, dann können Sie den Begriff Wissenschaftsthriller verwenden, da es Ihre Chancen vergrößert.

Das heißt nicht, dass Sie Ihren Inhalt ändern sollen.

Schreiben Sie, was Sie interessiert! Aber in der Einordnung der Geschichte können Sie sich an Marketingaspekte anpassen.

Herr Roentgen, vielen Dank, dass ich Ihnen Löcher in den Bauch fragen durfte!

 

Überarbeiten macht Spaß?!

Ich bin zwar nicht überzeugt, dass das Überarbeiten von 400 Seiten jemals zum Genuss wird. Aber das Interview hat Wege gezeigt, wie es leichter und hoffentlich erfolgreicher von der Hand gehen kann.

Hast Du eigene Probleme wiederentdeckt oder einige der Strategien fürs Überarbeiten schon ausprobiert?

Teile die Tipps von Herrn Roentgen gern mit anderen Autor*innen!

 

Bildnachweise:

Artikelfoto von Nathan Bingle auf Unsplash
Foto mit Schweinchen von Fabian Blank auf Unsplash