Ich bin vor Aufregung nicht gestolpert und nicht mit der Stirn auf die Tischkante geknallt. Somit hatte ich auch keinen Social-Media-Erfolg.

Aber ich weiß jetzt, wofür ich schreibe:

Für diesen Moment, wenn andere Menschen die Geschichte meiner Marsheldin erleben.

Ich habe immer gedacht, das veröffentlichte Buch sei der größte Moment für eine Schreibsüchtige. Doch meine erste Lesung auf der Leipziger Buchmesse hat gezeigt:

Auch Lesungen berauschen.

Davon hätte ich nun gerne mehr.

 

Brauchen Autor*innen Lesungen?

Ich sage: ja.

Geschichten wollen erzählt werden. Sie brauchen ein Publikum.

Bis zur Veröffentlichung ist es ein langer Weg. Daher möchte ich auch unveröffentlichten Autor*innen Mut machen, ihre Texte öffentlich vorzulesen.

Aufregung, Angst und Lampenfieber lohnen sich für den magischen Moment, die geschriebene Geschichte live mit anderen Menschen zu teilen.

Ich weiß, dass nicht alle Autor*innen zustimmen werden. Viele lieben es, zu schreiben und wollen gerade nicht im Mittelpunkt stehen.

Auch ich verstecke mich gern im Schreibzimmer und fliege lieber zum Mars, ohne mein Leben zu riskieren.

Auch mich hat der Gedanke an die Lesung auf der Buchmesse ziemlich gestresst.

Aber warum soll es mir anders ergehen als meiner Romanfigur?

Auf dem Weg zum Roman muss ich mich meinen Herausforderungen stellen. So habe ich in Leipzig 6 wertvolle Lektionen für die Durchführung von Lesungen gelernt:

 

1) Trage einen Space-Pulli!

Im letzten Beitrag stellte ich zwei Bühnen-Outfits zur Wahl. Am Ende gewann der freche Space-Pulli gegenüber dem seriösen Jackett.

Im Nachhinein glaube ich, es war die richtige Entscheidung. Warum?

Mit dem Space-Pulli konnte ich in eine Rolle schlüpfen.

Aber heißt ein Ratschlag nicht: „Verkleide Dich nicht, bleibe authentisch!“?

Stimmt, der Space-Pulli war tatsächlich eine Art Verkleidung. Ein Bühnen-Outfit, das ich nicht in der Freizeit und nicht im Brotjob anziehen werde. Trotzdem war er authentisch:

Er passte zum Text.

Da fällt mir der Autor Horst Evers ein, der immer mit rotem Hemd und schwarzer Jeans auf die Bühne tritt. Ist das Outfit für eine Lesung so etwas wie Arbeitskleidung für Autor*innen?

Für das eigene Selbstbewusstsein hat diese Sichtweise durchaus Vorteile:

Wenn alles schief geht, kann ich den Pulli wechseln und untertauchen …

2) Übe den Text vorzulesen!

Ein alter Tipp, aber sehr wichtig.

Ich habe meinen Text geübt, die Zeit gestoppt und Betonungen und Pausen markiert.

Dabei stellte ich fest, dass nicht alle Passagen gleich gut funktionierten.

Also überarbeitete ich, strich einen ganzen Absatz, straffte Dialoge und ergänzte Informationen, um den Zusammenhang herzustellen.

Mein Tipp an dieser Stelle:

Passe Deinen Text für die Lesung an – aber bitte nicht so exzessiv wie ich!

 

3) Mache Schluss!

Weil ich den Text in Leipzig überarbeitet hatte, musste ich ihn am Tag vor der Lesung im Copyshop ausdrucken. Das machte ich aber nicht nur einmal, sondern dreimal.

„Gut, dass Sie nicht bis Mitternacht geöffnet haben“, begrüßte ich den Copyshop-Mann beim dritten Besuch um kurz vor 19 Uhr. „Sonst würde ich heute noch öfter kommen.“

Er reichte mir die Visitenkarte: „Sie können die Dokumente auch per E-Mail senden und gesammelt abholen.“

„Mmh, geht leider nicht. Es ist immer der gleiche Text.“

Er legte seinen Kopf schief.

Ich zahlte.

Auf dem Rückweg zur Unterkunft lachte ich über mich selbst. Die Diagnose war eindeutig:

Akuter Überarbeitungswahn.

Ich hatte es mit der Überarbeitung definitiv übertrieben, den Text zwischendrin sogar verschlimmbessert und am Ende vieles wieder rückgängig gemacht.

Die Kunst ist es, ein Ende zu finden und ins Bett zu gehen.

Die frühen Schließzeiten des Copyshops retteten meine Nacht. Text und Outfit standen fest – ich musste nicht weiter grübeln und konnte schlafen.

Mein Tipp: Am Vorabend der Lesung loslassen und vertrauen!

 

4) Schaffe Dir Stabilität!

Leipziger Buchmesse 2018

Mit Text und Space-Pulli machte ich mich auf den Weg zur Buchmesse. Jetzt brauchte ich mich „nur“ noch auf das zu konzentrieren, was vor Ort passierte. Und das war mehr als genug.

Mit zwei weiteren Tricks sorgte ich für noch etwas mehr Stabilität der Nerven:

Ein stabiles Skript:

Ursprünglich hatte ich die Idee, den Text ins Notizbuch zu kleben. Das sah besser aus als geknickte Ausdrucke. Doch das Notizbuch hatte ein Softcover, so dass sich die Seiten zur Mitte hin wellten. Zudem fühlte ich mich beim Lesen gehetzt, weil ich immer zwei Seiten gleichzeitig im Blick hatte.

Meine Lösung: Ich klemmte die Seiten an eine Pappe. Keine Wellen, kein Knittern. Das Skript lag stabil in der Hand. Ich konnte mich daran festhalten. Ein unscheinbares Detail, das mir Ruhe gab.

Ein fester Stand:

In einem Präsentationstraining habe ich gelernt, dass es leichter ist, im Stehen zu sprechen als im Sitzen. Der Bauch wird nicht gequetscht und der Atem kann besser fließen. Ganz automatisch hast Du eine größere Präsenz.

Auch wenn der Eindruck entsteht, so mehr Angriffsfläche zu bieten, würde ich Dir empfehlen, es auszuprobieren. Mir gibt der feste Stand auf beiden Beinen mehr Sicherheit als ein unbequemer Sessel, in dem ich nicht weiß, wie ich galant sitzen soll.

 

5) Genieße Deinen Text!

Forum Hörbuch + Literatur

Unsere Bühne in Halle 3 – mit Autorenkollege Oliver Wenzlaff.

Stell Dir vor, es ist so weit: Alle Augen und Ohren sind auf Dich gerichtet.

Herzklopfen? Kloß im Hals?

Nein. Ich freute mich darauf, zu lesen.

Ich hielt mich an meinem Text fest und wusste, solange ich vorlas, konnte nichts passieren. Die Fragen kämen erst später.

In diesem Moment kommt es nur noch auf eins an:

Genieße Deinen Text!

Stürme nicht durch die Sätze. Lass Dir Zeit. Fühle, was Du liest. Dann wird das Publikum mitfühlen.

Und genau das war der magische Moment, für den sich der Stress im Vorfeld gelohnt hat:

Ich schaute hoch und sah das kleine Funkeln in den Augen, das zeigte, dass die Leute meinen Text miterlebten.

 

6) Lade Freunde ein!

Mein Blogbeitrag zur Lesung kam spät. Ich habe lange gezögert, weil ich Angst hatte, mich vor den Menschen zu blamieren, die ich kenne.

Dabei waren es genau diese Leute, die mir während der Lesung geholfen haben – mit einem Lächeln oder einem ermutigendes Kopfnicken:

Das Schreiberlein, das ich vorher nur von Twitter kannte, war extra zur Lesung gekommen; die Hörspielkollegin Linda Lewis saß mit ihrem Freund im Publikum; und meine Schreibdozentin Tanja Steinlechner brachte sogar Verstärkung aus dem Schreibhain mit.

Danke, dass ihr da wart!

Danken möchte ich auch den Leser*innen meines Blogs und meinen Freunden, die mich im Vorfeld mit Rat und offenem Ohr unterstützt haben.

Last but not least:

Danke Oli, dass Du diese mutige Idee einer gemeinsamen Lesung auf der Buchmesse hattest!

 

… jetzt komme ich mir vor wie bei der Oscarverleihung. Aber dafür kann man nicht früh genug üben. Oder?

 

(Die Portraitfotos von mir auf der Bühne machte Jasmin Zwick. Vielen Dank!)