Schreiben ohne Sicherheitsgurt

Brauchen Autoren eine Komfortzone?

Hilft diese beim Schreiben? Wo liegt diese Zone, die Bequemlichkeit, Behaglichkeit, gar Luxus verspricht?

Die Blogparade „Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!“ auf Stille-Stärken.de brachte mich ins Grübeln, wie das mit der Komfortzone beim Schreiben ist.

Dieser Artikel sucht nach Antworten.

 

Ist Schreiben (m)eine Komfortzone?

Ich bin schreibsüchtig. Wenn ich schreibe, ist mein Leben intensiv, echt und irgendwie richtig. Mit Stift und Notizblock in der Hand ist es behaglich. Schreiben ist meine Komfortzone.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn das Schreiben katapultiert mich auch aus meiner Komfortzone heraus.

Allein die Entscheidung, einen Roman zu schreiben, erfordert Mut: Ich bin besonders risikofreudig und habe die Komfortzone eines „normalen“ Jobs verlassen und surfe nun unangeleint im Ozean der Worte.

Dabei riskiere ich viel: das Scheitern meines größten Traums.

Doch nicht jede Autorin krempelt für ihren ersten Roman das ganze Leben um. Viele schreiben neben dem Beruf. Schreiben diese Autoren in ihrer Komfortzone? Oder ist der Begriff womöglich nur die hübsche Illusion von Sicherheit, die es nicht gibt?

 

Komfort begrenzt Kreativität

Bequemlichkeit ist ein gutes Argument – viele smarte Sachen lassen sich damit verkaufen. Aber entstehen aus Bequemlichkeit Texte, die bewegen?

Ich erinnere mich an eine Schreibübung in der Autorenausbildung: Wir sollten unsere dunkelsten Ängste notieren und eine Szene dazu schreiben. Diese Aufgabe verlangte, dass wir uns unangenehmen Themen stellten. Mit angelegtem Sicherheitsgurt kam ich da nicht weit. Ich musste etwas riskieren. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Aber als ich den Text vorlas – bewegte Gesichter.

In diesem Moment verstand ich, wie viel Kraft ein Text entwickelt, für den man die eigene Komfortzone verlässt.

 

Komfort schützt Kreativität

Ich muss gestehen: Das Schreiben meines Romans ist unbequem.

Ich wage mich an neue Themen, öffne die dunklen Türen, stelle mich der Kritik an meinen Texten, kämpfe mich durch Schreibkrisen, mache Fehler. Dafür brauche ich nicht nur Mut, sondern auch Schutzzonen – ein Schreibumfeld, in dem ich Sicherheit und Anerkennung erfahre.

Die Autorenausbildung, die ich absolviere, ist einer dieser „geschützten Räume“. Hier dürfen wir Autorinnen und Autoren uns ausprobieren, Fehler machen, lernen. Hier ist die Kritik konstruktiv. Hier können Texte wachsen und auch mal übers Ziel hinaus schießen.

Auch die Schreibgruppen, in denen ich regelmäßig schreibe, bieten eine Komfortzone. Sie geben mir Halt, Struktur und Motivation. Ebenso der Austausch mit Gleichgesinnten auf Blogs und Twitter.

 

Schreiben als Balance-Akt

Wie so vieles im Leben ist wohl auch das Schreiben eine Frage der Balance.

Kreativität braucht Bewegung, Input, Irritation, aber auch einen Raum für die Entfaltung.

Schreiben in der Komfortzone bietet Sicherheit, um sich auszuprobieren ohne gleich davonzutreiben, wenn man sich verschätzt. Aber die großen Wellen erfordern volles Risiko.

Vielleicht geht es nicht darum, angeschnallt durchs Leben zu rasen, sondern zu entscheiden, wann es sich lohnt, den Sicherheitsgurt abzulegen und sich auf den Moment zu konzentrieren. Oder wie leiselaute feststellt: „Wenn Du deine Komfortzone kennst, kannst Du sie bewusst verlassen und zu ihr zurückkehren.“

 

Und wo bleibt der Luxus?

Wie Autorinnen und Autoren wissen, ist alles eine Frage der Perspektive. Das Schreiben eines Romans kann sowohl beglücken als auch quälen, die Komfortzone sowohl begrenzen als auch fördern.

Aber für mich persönlich ist die Chance, meinen Traum zu verfolgen und einen Roman zu schreiben, der größte Luxus im Leben. Dafür nehme ich Unbequemlichkeiten in Kauf und schreibe auch ohne Sicherheitsgurt.

 

Schnallst Du Dich an?

Falls es am Schreibtisch turbulent wird.Schreibst Du lieber in Deiner Komfortzone oder bewegst Du Dich für Deine Texte bewusst aus der Sicherheit heraus?

Sind Autoren vielleicht geheime Risiko-Junkies?

Schreiben mutige Autorinnen bessere Texte?

Ich bin gespannt auf Deine Erfahrungen.

 

 

2016-10-26T15:18:09+00:00 15. Juli 2016|8 Comments

8 Kommentare

  1. Stephi 4. November 2016 um 11:49 Uhr- Antworten

    Ein groß“artiger“ Text, liebe Rice. Und ja, du hast Mut und das finde ich absolut bewundernswert. Ich hänge oft sehr in meiner Komfortzone, um das GEfühl der absoluten Sicherheit (welches es natürlich nicht gibt) ein wenig zu spüren.
    Wie viele Stunden habe ich schon damit verbracht, darüber zu grübeln, was meine Grenzen sind und ob ich es schaffe Mut aufzubringen und Dinge zu tun, die mich aus dem sicheren Umfeld herauskatapultieren…
    Vielleicht geht es aber in der heutigen Zeit, des Optimierungswahns und des „höher, schneller, weiter“ auch nur darum seinen Weg zu finden, in oder außerhalb der Komfortzone.

    LG
    Stephi

    • Ricarda 4. November 2016 um 19:15 Uhr- Antworten

      Das viele Grübeln kenne ich gut 😉
      Eine Erkenntnis habe ich zumindest gewonnen: Es kann nur darum gehen kann, seinen eigenen Weg zu gehen. Was macht es für einen Sinn, nach den Vorstellungen anderer zu leben? Die haben doch ihre eigenen Lebenswege, die sie gestalten können. Es ist schwer, sich von den Erwartungen im Umfeld zu lösen – zu unterscheiden, was zu einem selbst gehört.
      Warum „höher, schneller, weiter“, wenn man nicht weiß, wofür? Ich möchte schreiben, meine Geschichten und damit Leser berühren und ihre Welt verändern.
      Ich möchte Dir Mut machen, Deinen Weg zu gehen: jeden Tag einen Mini-Schritt.
      Hey, das Leben ist wie das Schreiben eines Romans – jeden Tag ein Schritt, eine Idee, ein Wort, ein Satz, eine Seite – irgendwann ist das Ziel erreicht und die nächste Idee wartet.
      Danke, liebe Stephi, für Deine Anerkennung! Das hilft mir über die vielen Zweifel, mit denen ich mich als Autorin mühe.
      LG und alles Gute auf Deinem Weg, Ricarda

  2. Tine 26. September 2016 um 18:22 Uhr- Antworten

    Tja, raus aus der Komfortzone, ja oder nein? Wer sich dem kreativen Schreibfluss überlässt, der verlässt die Komfortzone immer – so sehe ich das. Das liegt an der der Kreativität. Beim kreativen Schreiben verlassen wir die routinierten Wege, auf der Suche nach Neuem oder nach einem neuen Blick auf Bekanntes. Aber soviel Risiko besteht gar nicht – denn wir können immer überarbeiten oder was neues Schreiben. Klar ich kenn das auch, die Angst vorm Loslassen. Da hilft nur, auf die innere Stimme hören. Sie weiß, wann es Zeit zum Loslassen ist. Danke für den anregenden Artikel!

    • Ricarda 27. September 2016 um 9:58 Uhr- Antworten

      Danke Tine, für Deine Erfahrungen!
      Das Loslassen eines Textes ist gar nicht so einfach. Wann ist der Text so weit? Welche Anregungen, welche Kritik nehme ich an? Wo bleibe ich bei meiner Version? Tatsächlich verlasse ich beim Überarbeiten eines Textes weitaus häufiger meine Komfortzone als beim Schreiben des ersten Entwurfs. Hätte ich nicht gedacht.
      Frohe Schreibgrüße aus Berlin, Ricarda

  3. Christine Winter 15. Juli 2016 um 14:24 Uhr- Antworten

    Ich glaube auch, dass Schreiben Komfortzone und zugleich Aus-der-Komfortzone-heraus-Forderung ist. Jedenfalls geht es mir oft so, wenn ich für den Stille-Stärken-Blog schreibe.

    Herzlichen Dank für deinen Beitrag zur Blogparade, der mir klarer macht, warum ich immer wieder schreibe, obwohl ich oft ganz schön Anlauf nehmen muss, bis ein Text entsteht…

    • Ricarda 15. Juli 2016 um 15:37 Uhr- Antworten

      Liebe Christine,
      Danke für Dein Feedback und vor allem für die Inspiration durch Deine Blogparade. Ich habe durch das Verfassen des Artikels auch wieder etwas übers Schreiben gelernt.
      Viele Grüße, Ricarda

  4. Toni 15. Juli 2016 um 14:02 Uhr- Antworten

    Liebe Ricarda,
    den Artikel über die Komfortzone habe ich auch gelesen. Mit gefallen Deine Gedanken dazu und ja, unzensiert vom eigenen Selbst zu schreiben kostet Mut. Bessere Texte – wie viel seelenloser Mainstream hat hohe Verkaufszahlen, spricht offensichtlich viele an. Macht ihn das zu einem guten Text? Was immer wir schreiben, ob es dann gefällt, liegt im Auge des Betrachters. Nach dem Schreiben muß ich (muß ich wirklich?) meinen Text loslassen, denn der Leser liest ihn ganz neu, mit seinen persönlichen Erfahrungen, Wünschen und Bedürfnissen im Gepäck und für diesen Leser ist das dann ein ganz anderer Text, als für mich als Autor, als für den nächsten Leser und den Leser danach. Das macht es auch für mich spannend, die Rückmeldung, was der Text, mein Text mit dem Leser macht. Schreib! Gib Dich dem Schreiben hin, verlier Dich und finde Dich wieder.
    Toni

    • Ricarda 15. Juli 2016 um 15:47 Uhr- Antworten

      Liebe Toni,
      das Loslassen eines Textes kostet tatsächlich immer Überwindung – sogar dann, wenn ich ihn in der Autorenausbildung präsentiere und weiß, dass mir die Kritik hilft. In meinen Texten steckt viel von mir selbst drin, da ist der Wunsch groß, dass sie die Leser dann auch berühren. Aber ich folge gern Deinem Rat: Schreiben, mich darin verlieren und wiederfinden. Schön!
      Frohes Schreiben!
      Ricarda

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