Kaffeeklatsch mit Anja May

Auf meiner ersten Leipziger Buchmesse lernte ich zufällig Anja May kennen. Sie schreibt Jugendromane vor historischem Hintergrund. Und obwohl ich nicht mehr zu ihrer Zielgruppe gehöre, hat sie mich nachhaltig beeindruckt. Warum?

Ich glaube, es war ihre souveräne Art, wie sie über ihren ersten Roman „Am Ende dieses Jahres“ sprach. Die Geschichte eines Jungen, der 1945 in den Krieg eingezogen wird, hatte sie wenige Tage vor der Buchmesse im Selfpublishing veröffentlicht.

„Ich wollte unbedingt die Kontrolle über meinen Roman behalten“, erklärte Anja ihre Entscheidung.

Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte mehr erfahren, schrieb sie per E-Mail an und weil sie so hilfsbereit antwortete, fragte ich ihr Löcher in den Bauch:


kafeeklatsch-anjamay-freiDanke, Anja, dass Du meine neugierigen Fragen über Deine Erfahrungen als Selfpublisherin beantwortest.

Ich teile natürlich gerne meine Erfahrungen, denn ich habe ja auch alles, was ich wissen musste, von anderen gelernt, die schon vor mir den Weg gegangen sind. Übrigens kann ich Podcasts sehr empfehlen, kostenlose Infos zu jedem Thema deiner Wahl.


Fällt Dir hier spontan etwas ein, dass Dir beim Schreiben des ersten Romans besonders geholfen hat?

Ich würde sagen, dass mir der NaNoWriMo (National Novel Writing Month), sehr geholfen hat, den inneren Kritiker auszuschalten. Sonst hätte ich vielleicht nie irgendetwas fertiggestellt, geschweige denn einen ganzen Roman. Beim NaNoWriMo lernt man zwei Dinge: regelmäßig zu schreiben (jeden Tag 1667 Worte) und schnell zu schreiben, d.h. nicht während des Schreibens gleichzeitig zu überarbeiten.

Außerdem hat mir der Umstieg auf Scrivener als Schreibprogramm gute Dienste erwiesen. Bei einem großen und komplexen Projekt wie einem Roman kommt man mit MS Word einfach schnell an seine Grenzen. In Scrivener hingegen behält man immer den Überblick und hat sogar alle Recherchenotizen und Charakterblätter etc. an einem Ort. Gut geeignet gerade auch für Plotter und Planer wegen der Karteikarten-Funktion. Kann ich empfehlen – wenn es auch sicher andere gute Programme dafür gibt.


2013 hast Du die erste Rohfassung Deines Romans begonnen. Zwei Jahre später hast Du alles noch mal umgekrempelt – quasi noch mal von vorne angefangen. Wie kam es dazu?

Ich hatte schon während des Schreibens das Gefühl, dass ich keinen richtigen Zugang zu meinen Charakteren gefunden hatte. Nach dieser langen Ruhepause, in der ich an anderen Projekten geschrieben habe, wollte ich daher eine andere Erzählperspektive ausprobieren. Von der dritten Person im Präteritum (das „Übliche“) habe ich zur Ich-Perspektive im Präsens gewechselt. Sofort hatte ich das Gefühl, endlich richtig an den Charakter „ranzukommen“.

Aufgrund dieser massiven Änderung musste ich natürlich alles noch einmal neu schreiben – was dem Manuskript aber sehr gut getan hat. Plot-Änderungen gab es natürlich auch, z.B. habe ich eine der beiden Hauptfiguren in eine Nebenfigur umgewandelt, um die Anzahl der Handlungsstränge zu reduzieren. Aber die Änderung der Erzählperspektive war die Hauptursache für das Umschreiben.

Übrigens hat es durchaus positive Effekte, einen Roman so lange in der Schublade liegen zu lassen. Ich hatte z.B. erst Monate später die Eingebung, worum es in meiner Geschichte eigentlich wirklich geht, was die zugrundeliegenden Themen sind.


May_AM ENDE DIESES JAHRES_ebook_sm1Rohfassung, Schublade, Überarbeitung – da braucht man einen langen Atem …

Auf jeden Fall. Der erste Roman dauert vermutlich bei fast jedem so lange. Es gibt einfach noch so viel zu lernen. Aber keine Sorge – man wird schneller. Mit der Fertigstellung des ersten Buchs hat man schon mal eine unglaublich hohe Schwelle überwunden.

Schon allein das Plotten an sich ist ein riesiger Lernprozess für mich gewesen: Die Struktur einer Geschichte habe ich erst so richtig begriffen, nachdem ich schon einen ersten Entwurf verfasst hatte.

Ich dehne deshalb die Plotting-Phase jetzt nicht mehr allzu lang aus, sondern schreibe – sobald ich die grobe Handlung weiß – einfach drauflos. Beim Schreiben merke ich eh meist, dass vieles nicht so hinhaut, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt habe.


Oh, da schließe ich jetzt schnell meine Augen. Ich bin eher Plotterin und hoffe natürlich, dass sich die Arbeit später beim Schreiben auszahlt. Wie umfangreich war denn Deine Plotting-Phase?

Das muss natürlich jeder für sich herausfinden. Ich würde mich als Mischung von Plotter und Pantser (englisch für Drauflosschreiber) bezeichnen. Meine erste Plotting-Phase für „Am Ende dieses Jahres“ dauerte nur einen Monat und beinhaltete auch Recherchen über die geschichtlichen Hintergründe. Das mag zu wenig gewesen sein, aber mehr scheint bei mir nicht zu klappen – irgendwann drehen sich meine Gedanken im Kreis und ich komme kaum noch voran. Ich habe auch bei einem meiner anderen Projekte den Fehler gemacht, viel zu lange am Plot zu basteln (mehrere Monate), nur um beim Schreiben alles wieder umzuwerfen.

Ich glaube, wenn ich die Erstfassung schreibe, ist das für mich noch ein Teil des Plottens. Dabei kommen mir immer neue Ideen, die mir beim Drüber-Nachdenken vielleicht nicht gekommen wären. Die helfen mir dann in der zweiten und dritten Fassung dabei, den Plot weiter auszufeilen.

Ich bewundere jeden, der es schafft, sich die ganze Geschichte schon im Detail vorher auszudenken – und sich dann auch daran zu halten. Wie geht ihr denn in der Autorenausbildung vor?


Wir sind jetzt im letzten Semester der Schreibausbildung. Alle haben erste Textfragmente und eine grobe Plot-Idee fürs eigene Romanprojekt. Aber jeder arbeitet anders. Ich plane etwas genauer als die anderen. Deshalb bin ich froh, dass die Dozentinnen die verschiedenen Arbeitsweisen respektieren und individuelle Hilfestellung geben.

Wie war das bei Dir? Bist Du mit Deinen Romantexten in Schreibkurse gegangen?

Ich war tatsächlich in einem Schreib-Workshop von Anette Huesmann, und zwar noch während ich an der allerersten Fassung gearbeitet habe. Da ging es speziell um Charaktere, weil ich das Gefühl hatte, keinen Zugang zu meinem Protagonisten zu finden. Der Workshop hat mir auf jeden Fall gute Denkanstöße geliefert.

Mir war es wichtig, direkt von den „Profis“ zu lernen, deshalb bin ich nicht mit meinem halbgaren Manuskript an eine Kritikgruppe oder ähnliches herangetreten, sondern habe mir nach Fertigstellung der Endfassung sofort eine Lektorin gesucht (Tanja Steinlechner). Zuerst habe ich ein dramaturgisches Gutachten von ihr bekommen, in dem die Struktur und Kontinuität des Romans auf Herz und Nieren geprüft wurde. Anschließend, nach den entsprechenden Änderungen, habe ich bei ihr auch das ausführliche Lektorat in Anspruch genommen.


Wie umfangreich waren denn die vorgeschlagenen Änderungen? Hast Du alles berücksichtigt, oder gab es Dinge, die Du kategorisch abgelehnt hast? 

Anja schreibt gern im Café.

Anja schreibt gern morgens und im Café bei sich um die Ecke.

Ich würde nichts kategorisch ablehnen, solange ich überzeugt bin, dass es die Geschichte besser macht. Tanjas Vorschläge waren immer gut begründet und ich habe mein Bestes getan, sie umzusetzen. Allzu viele große strukturelle Änderungen waren es zum Glück nicht, eher so etwas wie Feilen an den Dialogen und Szenenanfängen, Verknüpfen einiger loser Enden … Einmal hat sie mich auf einen Logik-Fehler hingewiesen, der dazu führte, dass ich eine ganze Szene umschreiben musste. Das ist zwar schade, aber unvermeidlich. Und nach einer gewissen Zeit des Mit-sich-Ringens macht man es dann eben doch.


Deine Lektorin sah für Deinen Debutroman große Chancen auf einen klassischen Verlagsvertrag. Du hast aber gar nicht versucht, einen Verlag zu finden. Warum?

Ich hatte eine ganze Weile darüber nachgedacht und war beinahe versucht, es zu probieren. Aber es ist ja keineswegs garantiert, dass man einen Verlag findet, und ich wollte keine Zeit mehr mit der Suche „verschwenden“, da ich mich von Anfang an eigentlich als Indie-Autorin gesehen habe. Ich dachte auch, dass ich es in fünf oder zehn Jahren bereuen könnte, meine Rechte abgetreten zu haben und mit meinem Werk nicht mehr machen zu können, was ich möchte, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen.

Natürlich hat das seine Vor- und Nachteile. Ich hätte mir einen Verlag durchaus für die gedruckten Bücher vorstellen können, da die Reichweite für solche als Selfpublisher begrenzt ist und die Herstellung eines guten Print Buchs aufwändiger ist als die eines Ebooks.


Wie aufwändig ist es ohne Verlag? An was muss man alles denken?

Als Selfpublisher muss man bereit sein, unternehmerisch zu denken. Es gilt viele Entscheidungen zu treffen: Welches Cover? Welcher Print-On-Demand-Anbieter? Soll das Buch nur auf Amazon oder überall erhältlich sein…? Da ich nicht alles selbst machen konnte, habe ich Profis zu Hilfe genommen: Lektorin, Cover-Designerin, Buchsetzer.

Es ist wichtig, auch als selbständiger Autor ein professionelles Produkt abzuliefern, das sich kaum oder gar nicht vom Verlagsbuch unterscheidet. Ebenso gehört natürlich die Bereitschaft dazu, Marketing zu betreiben. Aber das muss man auch als Verlagsautor durchaus übernehmen.


Dein Cover gefällt mir übrigens sehr gut.

Danke! 🙂


Wie ist Dein Fazit – nach etwa eineinhalb Monaten nach der Veröffentlichung?

Anja wird interviewt auf der Leipziger Buchmesse.

Anja wird interviewt auf der Leipziger Buchmesse.

Ich habe mir da von Anfang an keine Illusionen gemacht. Von nur einem Buch können die allerwenigsten Autoren leben, egal ob Verlag oder nicht. Deshalb schreibe ich ja auch schon den nächsten Roman, und dann wieder den nächsten …

Momentan ist mir vor allem wichtig, Feedback von Lesern zu bekommen. Dafür veranstalte ich gerade eine Leserunde auf Lovelybooks. Das ist eine sehr gute Plattform, um mit Lesern in direkten Kontakt zu treten und erste Rezensionen zu sammeln, die gerade am Anfang mehr wert sind als Verkaufszahlen.

Und dann gilt – dranbleiben und nicht aufgeben. Die ersten Leser auf keinen Fall durchs Netz gehen lassen, sondern wenn möglich ihre Kontaktdaten (Stichwort E-Mail-Liste) sammeln und bei der nächsten Veröffentlichung informieren. So wird der nächste Buchstart schon etwas besser laufen …


Wirst Du das nächste Buch auch wieder im Selfpublishing veröffentlichen?

Bis jetzt ist das der Plan, auch wenn ich nichts ausschließen möchte. Ich könnte mir aber vorstellen, den Print-On-Demand-Anbieter zu wechseln (von CreateSpace zu BoD). Ich bin erstaunt, dass ich bisher mehr Print Bücher als Ebooks verkauft habe – und BoD hat in Deutschland die bessere Reichweite.

Das ist einer der Vorteile beim Selfpublishing. Ich kann jederzeit etwas ändern und verbessern oder neue Sachen ausprobieren.


Letzte Frage: Hat sich der Besuch der Leipziger Buchmesse für Dich gelohnt?

Ich würde sagen, ja. Schon allein deshalb, weil ich neue Leute wie Dich kennenlernen durfte. 🙂 Kontakte sind der Hauptgrund, warum ich auf solche Veranstaltungen gehen würde, denn Informationen kann man sich immer woanders selbst suchen.


Na gut, noch eine allerletzte Frage: Glaubst Du an Zufälle?

Das hängt jetzt davon ab, wie Du Zufall definierst ;-). Ich glaube auf jeden Fall, dass manchmal unvorhersehbare Dinge passieren, oder Dinge, bei denen wir die Ursache zumindest nicht zurückverfolgen können. Warum?


Weil Du Ähnlichkeiten mit meiner Romanheldin Elena Thompson hast. Das hat mir Deine Website verraten: Du hast Biologie studiert, nach Leben im Weltall gesucht und warst schon mal schwerelos. Ich glaube, wir mussten uns begegnen, damit ich Dir noch ganz viele Fragen stellen kann.

Das ist ja lustig. Jap, das stimmt, ich war jahrelang als Astrobiologin tätig – eigentlich als Mikrobiologin, habe aber an einer Fragestellung aus diesem Bereich geforscht. Jetzt bin ich natürlich sehr auf deine Romanheldin gespannt und gern jederzeit bereit, Auskünfte zu geben.


Danke Anja, dann bis zum nächsten Kaffeeklatsch! Und viel Glück für Dein Buch!

May_AM ENDE DIESES JAHRES_ebook_sm1Am Ende dieses Jahres

Stell dir vor, du bist sechzehn und musst in den Krieg… Genau das wird in Deutschland im Jahre 1945 für viele Jugendliche zur Realität.

Für die Geschichte des Uhrmacherlehrlings Anton Köhler aus Schlesien hat sich Anja May von den Erzählungen ihres Großvaters inspirieren lassen.

>>Zur Website der Autorin
>>Zum Buch

2016-10-26T15:18:09+00:00 9. Mai 2016|0 Kommentare

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